Dass die Gesellschaft immer mehr sexualisiert wird, macht schon lange die Runde. Sex sells - so das alte Wort und es hat viel Wahres. Autos und Motorräder werden mit nackten Frauen aufgewertet, Filme mit Bettszenen gespickt, Fotomodelle haben immer weniger Stoff und immer mehr Haut. Joghurtwerbung zeigt den flachen sexy Bauch und Schokoriegel werden von ultraschlanken Joggerinnnen in knappen Höschen beworben. Die Strategie scheint Erfolg zu haben, sonst wäre sie einer neuen gewichen. Ich denke aber nicht, dass sie überall funktioniert und ich denke zudem, dass irgendwann mal Schluss ist, das Mass voll. Langsam macht sich auch Überdruss breit. Hörte man am Anfang noch die Feministinnen aufschreien und sich über Sexismus beklagen - was wohl das Interesse daran eher steigerte denn minderte -, so sieht man immer mehr gelangweilte Gesichter. Krimis werden nicht spannender, wenn sich der Kommissar die halbe Zeit statt dem Fall der netten Praktikantin zuwendet und auch Actionfilme nicht mitreissender, wenn die Agentin mehr Wert auf den Schlitz im Rock als auf die Verfolgung des ewig Bösen legt.
Wie steht es beim Buch? Das Cover ist sicher ein Kriterium für den Buchkauf. Spricht es an, ist schon mal der erste Blickkontakt hergestellt und der erste Eindruck ist doch immer auch ein prägender. Ob das aber sexy sein muss? Ich wage es zu bezweifeln. Ich denke, gerade bei Büchern ist das Argument eher nicht massgebend. Das Cover und die Aufmachung sollten das widerspiegeln, was drin ist. Wenn ich ein Sachbuch zum Unergang des Dritten Reiches lesen will, wird mich ein Cover mit einem amerikanischen, leicht bekleideten Pinup Girl eher abschrecken, denke ich mal. Da könnte es so sexy sein, wie es wollte. Bei Büchern und ihrem Erscheinungsbild gilt es also, den Inhalt prägnant, eingängig, geschmackvoll und treffend zu präsentieren.
Ist ein Buch an sich sexy? Spontan kam mir das in den Sinn:
Die kühle Seide des Lakens schmiegt sich an den Körper, während das Papier des Buches neben mir ein verlockendes Rascheln von sich gibt. Was verbirgt sich hinter der nächsten Seite? Womit werde ich beglückt? Meine Spannung steigt ins Unermessliche, langsam fahre ich mit der Zunge über die Lippen. Der Buchdeckel liegt warm durch die Berührung in meiner Hand. Er fühlt sich so vertraut an. Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss es wissen. Ich blättere um uns stürze mich gierig in die Buchstaben.
Ist ein Gegenstand an sich sexy? Ich denke kaum. Das sind Zuschreibngen, die die Werbeindustrie macht. Sie will damit erreichen, dass etwas mehr Anklang findet und damit gekauft wird. Das habe ich oben schon erläutert. Muss ein Buch sexy sein? Die Frage wäre: wieso? Was bringt mir ein sexy Buch? Denke ich dann beim Lesen, wenn ich nicht mehr weiter mag, weil es ätzend ist, dass es aber sexy ist und lese beschwingt weiter? Klar, man könnte sagen, das Buch ist dann schon gekauft und damit die Rechnung aufgegangen. Langfristig wird das sicher nicht klappen. Bücher sind sicher eher nicht sexy. Ihnen haftet was streberhaftes an, etwas langweiliges, ruhiges. Und heute muss alles schnell, cool, trendig sein. Daher wohl die neue Schiene, auf die man das Buch zwingen will. Man erhofft, einen neuen Markt zu eröffnen. Den der coolen Menschen. Man vergisst dabei, dass das, was man mit dem wenn auch noch so sexy Gegenstand machen kann, immer dasselbe bleibt: lesen. Und das mag man oder mag es nicht. Man greift sicher eher zum Buch im Laden, wenn das Cover anspricht. Aber das tut es auch ohne Sexappeal - ich wiederhole mich.
Bin ich sexy, wenn ich lese? VIelleicht, wenn ich wirklich in kühler Seide mich räkelnd da liege. Aber auch das hat dann eher wenig mit dem Buch zu tun. Was bleibt? Buch bleibt Buch. Und damit wohl eher unsexy. Und das ist in meinen Augen auch gut so, Zwar verstehe ich den verzweifelt anmutenden Kampf um den immer kleiner werdenden Markt durch die immer grösser werdende Konkurrenz, allerdings wird man den in meinen Augen nicht gewinnen, indem man auf Attribute setzt, die mit dem Produkt wenig gemein haben. Sinnvoller wäre es, die Stärken des Produkts hervorzuheben und derer gibt es genug. Auf das von allen anderen Kampagnen schon eher abgenutzte Konstrukt des "Sex sells" zu setzen, kommt eher einer Abwertung des Buches gleich, da man ihm damit die eigenen Vorzüge abspricht und es über andere Wege an den Mann/die Frau zu bringen hofft.
Wer ist nicht schon mit einem Buch in eine andere Welt entschwebt? Hat genossen, neue Gedanken kennen zu lernen, Abstand vom Alltag zu kriegen? Bücher sind kleine Oasen und als solche haben sie einen hohen Stellenwert.
Bücher sind Kunst. Wie Bilder. Wie Musikstücke. Damit heben sie sich von einer Zahnbürste als blossem Gebrauchsgegenstand ab. Klar könnte man den Inhalt des Buches anders transportieren, auf dem Computer, auf Tablets. Trotzdem behält das Buch seinen Stellenwert neben diesen neuen Wegen der Übermittlung. Ein Teil dieses Wertes ist wohl der Nostalgie geschuldet. Man wuchs (heute noch) damit auf, man ist gewohnt, in Büchern zu blättern. Man weiss noch, wie man als Kind unter der Bettdecke las, geniesst das ganze Drumrum des Buches mit.
Bücher haben Substanz. Die hat ein Tablett auch, aber eine andere. Es ist kälter, ferner. Das Buch liegt warm in den Händen, ich kann reinschreiben, kann die Seiten riechen, die Druckerschwärze riechen. Ich kann von Hand blättern. Es ist unmittlbarer. Beim Tablett steckt viel Technik dahinter. Das ist immer noch fremd. Trotz aller praktischen Seiten wie Hintergrundbeleuchtung, die das Lesen unter der Bettdecke vereinfacht (selber schon probiert). Man fühlt sich damit nicht vertraut und spätestens, wenn die Technik streikt, ist alles aus.
Wieso muss man die beiden überhaupt gegenüberstellen? Sie können ja nebeneinander bestehen bleiben. Das Auftauchen der Fotokameras war auch nicht das Ende der gemalten Kunst, Fernsehen hat das Theater nicht ausgeblendet. Klar, es fanden Verschiebungen statt. Der Markt musste geteilt werden. Aber schlussendlich fanden alle ihren Platz - mit Verschiebungen, mit Veränderungen zu früher, aber sie hatten weiter Bestand.
Noch nie mochten alle Menschen Bücher. Es gibt sehr viele Menschen, denen Bücher egal bis hin zu einer Plage sind. Das war immer so und wird wohl immer so bleiben. Diese Menschen machen sich aber auch kaum Gedanken über das Büchersterben, sie sind nur froh, wenn sie keine lesen müssen. War man früher auf Bücher angewiesen, um ein wenig BIldung zu kriegen, geht das heute auf anderen Wegen. Das ist durchaus ein Gewinn, da Bildung trotz allem wichtiger ist, als gerne zu lesen. Sage ich als Buch- und Literaturliebhaber. Schon da hat der Wert des Buches abgenommen, man muss keine Bücher mehr haben, um als gebildet zu gelten. Trotzdem vermittelt ein volles Bücherregal im Wohnzimmer diesen Eindruck noch heute. Das sind Bilder in Köpfen, Assoziationen. Die sterben nicht so schnell aus. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn sie haben auch ein Stück Wiedererkennungswert und Stabilität in sich.
Es bringt in meinen Augen nichts, in einen Trauergesang um das Büchersterben auszubrechen. Sterben werden sie nicht. Sich neu einordnen in einem immer grösser werdenden Dschungel an Möglichkeiten aber schon. Es findet quasi eine Art Evolution im kulturellen Bereich statt.