Mittwoch, 27. Juni 2012

Himmel hoch jauchzend - zu Tode betrübt

Es gibt Tage, da könnte ich die ganze Welt umarmen. Ich bin dankbar für das Leben, das ich lebe, für die Möglichkeiten, die ich hatte und habe. Ich sehe mich als Glückspilz und es sprudelt förmlich aus mir raus. In dieser Zeit geht alles leichter von der Hand, mein Umfeld ist zufrieden, wir lachen, lieben uns, der Tag nimmt seinen Lauf mit all den schönen kleinen Dingen am Wegesrand. Schön wäre, wenn nun wie im Märchen der Abspann käme: Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute in Friede, Freude und essen Eierkuchen, strahlen mit der Sonne um die Wette und halten sich an den Händen, Ringelreihen tanzend. Doch das Leben ist kein Märchen.

Plötzlich dreht der Wind. Wo vorher Sonne schien, ziehen Wolken auf, ab und an ein wahrer Platzregen, Wirbelsturm. Alles düster, alles fies. Die Mundwinkel verziehen sich von fünf vor zwölf (was es wohl auch war) zu fünf vor halb sieben, drei Tage Regenwetter sind ein Dreck dagegen. Und irgendwie klappt nichts mehr. Was vorher noch einfach so flutschte, geht nicht mehr, die zufriedenen Umfeldmenschen werden anstrengend, motzig, am Wegesrand fällt mir nichts mehr auf, da ich mit anderem beschäftigt bin und dass das Leben kein Märchen und schon gar kein Zuckerschlecken ist, scheint offensichtlich.

Der Auslöser für solche Dinge? Keine Ahnung. Ein Wort, eine Nachricht, ein Blick, etwas, das nicht ging, eine enttäuschte Erwartung, unfaires Verhalten anderer. Der ganz normale alltägliche Wahnsinn halt, der mich aus meiner eigenen Welt reisst und mich mit den Tücken des Lebens konfrontiert. Was dagegen hilft? Auch keine Ahnung. Erst grummle ich vor mich hin. Schimpfe auf die Welt, die Menschen, mich selber. Dann igle ich mich ein, wurstle vor mich hin. Dann setzt sich langsam Ruhe. Und irgendwann geht die Sonne wieder an. Und es geht aufwärts. Das kann Stunden dauern, Tage, selten länger. Aber es nervt. Ab und an. Und dann wünschte ich mir ein sonniges Gemüt tagein, tagaus, immer lächelnd, immer nett. Wünschte mir, mir nicht alles ständig so zu Herzen zu nehmen, nicht immer mich selber und das Leben zu hinterfragen, sondern locker flockig durch die Welt zu gehen. Dann frage ich mich, wieso ich bin, wie ich bin. Und höre von rundrum, ich denke zu viel. Tue ich das? Kann man das abstellen? Wo?

Will ich das? Eigentlich nicht. Ich mag mein Denken, mag meine Logik, meinen Verstand und meine Kreativität. Sind die Schwankungen der Preis dafür? Ab und an denke ich es. Ein weiser Mann sagte mir mal, alles hätte seinen Preis. Er hatte wohl recht. Die Frage sei, so der Mann weiter, ob man bereit sei, den Preis zu zahlen. Das zeige, wie viel einem etwas wert sei. Bin ich bereit? Habe ich eine Wahl? Wohl kaum. Ich habe nur die Wahl, wie ich damit umgehen will. Und da bleiben zwei Möglichkeiten:
  • Mich annehmen, wie ich bin
  • Mit mir hadern und schimpfen und anders sein wollen
Beide sind möglich, nur wird die zweite Möglichkeit das Problem nicht lösen, sondern noch eines dazu bringen. Möglichkeit eins sollte nicht absolut stehen. Ich denke, man kann an solchen Schwankungen arbeiten. Allerdings sehe ich, dass eben genau die Grummelphasen auch sehr viel an Energie, kreativer Energie freisetzen. Und genau die möchte ich nicht missen. So bleibt wohl nur: Annehmen, durchstehen, rausnehmen, was fliesst und dran glauben, dass es wieder hoch geht.

Dankbar bin ich für ein Umfeld, das mich nicht so schwierig empfindet, wie ich das ab und an tue. Dankbar bin ich für die, welche mich mögen, lieben, da sind und mir immer das Gefühl geben, ich sei gut, wie ich bin. Vor allem dann, wenn ich ins Hadern verfalle. Und so bleibt am Schluss die Erkenntnis, dass alles immer zwei Seiten hat. Und diese Seiten immer wieder selber zwei Seiten. Und so blättern sich die Seiten auf zu einem ganzen Leben, das bunt und farbig ist und lebendig. Und eigentlich ist das gut so und genau so, wie ich es haben möchte. Ich bin ein Glückskind!

Dienstag, 26. Juni 2012

Klassensystem bei Schweizer Bürgern?

Die SVP hat eine neue Idee: Künftig sollen die Schweizer nach Urschweizern und Eingebürgerten unterschieden werden. Damit das besser geht, soll ein Vermerk in den Pass. Man hätte sich in der Schweiz die Probleme eingebürgert, da Menschen mit Migrationshintergrund mehr Sozialhilfe empfingen, mehr Delikte verüben. Überspitzt gesagt: Alles Schlechte kommt von aussen. Und dem will man nun mit Statistiken auf den Leib rücken. Hätte man die klare Sichtbarkeit über die Herkunft der Menschen, könnte man die prozentuale Beteiligung an den Fällen statistisch darstellen und in der Folge besser fassen.

Die Idee an sich weckt schon schlechte Gefühle. Es klingt nach staatlichem Abstempeln von Menschen, nach Kategorisierung in Menschen erster Klasse und Menschen zweiter Klasse. Wagt man einen Blick in die Geschichte, verstärken sich die Gefühle: Stempel in Pässen... das hatten wir schon einmal. Die Juden im Dritten Reich wurden auch damit bedacht. Jeder als Jude definierte Mensch musste im Pass einen Stempel tragen. Das reichte bald nicht mehr. Das nächste war die Armbinde. Was schwebt der SVP da vor? Binden mit Schwarzen Schafen?

Was aber soll mit den so gebrandmarkten passieren? Dass es nicht bei der Statistik bliebe, liest man fast zwischen den Zeilen, denn eine Papierstatistik alleine hilft noch nichts. Es mag zwar nett sein, Diagramme zu zeichnen, Vergehen und Herkunft miteinander in Verbindung zu setzen und daraus farbige Kuchenstücke zu kreieren. Das alleine wird auf Dauer nicht reichen. Die weitere Folge könnte ein Vorstoss sein, Bürgerrechte wieder zu entziehen. Nur: das könnte man sogar ohne Stempel im Pass. Mit einem Gesetz im Stil von "Wenn ein Eingebürgerter innerhalb einer Frist straffällig wird, verliert er seine Bürgerrechte." Das wäre heikel. Das im Kollektiv zu machen wohl noch mehr. Der Justizdirektor Martin Graf tendiert zu dieser Annahme (laut Tagesanzeiger). Das war auch mein erster Gedanke.

In Anbetracht der staatspolitischen und staatsrechtlichen Überlegungen sehe ich dies allerdings als (so hoffe ich doch) schwer umzusetzen. Ich denke eher, es ginge dann um eine noch viel höhere Schwelle bei der Einbürgerung. Hätte man erst schwarz auf weiss, was man gerne so hätte (und man kriegt fast jedes Resultat statistisch hin, wenn man nur die Fragestellung entsprechend legt und die Auslegung den eigenen Zielen folgend formuliert), wäre wohl der nächste Schritt, die nun als These vorgelegte Behauptung "Wir haben uns die Probleme eingebürgert!" (Zitat von SVP-Parlamentarierin Barbara Steinemann im Zürcher Kantonsrat am 25. Juni 2012) als Begründung dafür zu nutzen, dass Einbürgerungen viel härteren Kriterien ausgesetzt werden müssten. Das ist ja schon lange Ziel der SVP und wird in stark SVP-lastigen Gemeinden schon so ab und an sp praktiziert.

All die Spekulationen über mögliche Folgen ungeachtet, bleibt zu sagen: Eine solche Motion, wie sie die SVP im Zürcher Kantonsrat vorbrachte, ist ein grosser Schritt in eine Ecke, die bedenklich ist. Dies nicht nur wegen der Assoziationen zu einer der schwärzesten Zeiten der europäischen Geschichte, sondern schon aus ethischen Gesichtspunkten. Die Motion führt zur Brandmarkung von Menschen, teilt diese in Klassen ein. Es wäre dann nur ein echter Schweizer, wer als solcher geboren wurde, der anfere ein Schweizer zweiter Klasse quasi. Klar kann die SVP dagegen halten, das hätten sie nie so gesagt und es sei ein Schuft, wer so denke. Die Geschichte der SVP und ihr Gedankengut und ihre Parolen sprechen eine deutliche Sprache, die diesen Schluss durchaus zulässig machen - fast schon nahelegen. Dass eine Partei wie die Grünliberalen sich an diesen Karren anhängen, lässt diese noch junge Partei in einem sehr schlechten Licht erscheinen. Schade drum. Ich hoffe, es finden sich genug Parteien, die vehement dagegen sind. Es wäre bedenklich, mit solchen Zeichen und solchem Verhalten im Ausland gesehen zu werden.

Zur selben Zeit findet man bei Twitter eine Meldung eines SVP-Politikers, der Moscheen und die Kristallnacht innerhalb von 160 Zeilen in Beziehung setzt. Der klare Wortlaut ist Streitsache und liegt bei der Staatsanwaltschaft. So oder so: schaut man auf die Geschichte der letzten Jahre in dieser Partei, so stehen schon grosse Fragezeichen am Firmament. Ist das tragbar? Ist das das, was mit Meinungsfreiheit toleriert werden muss? Kann man ein Recht, das entstand, um eben Randgruppen und Minderheiten zu schützen vor der Unterdrückung der grossen und starken Stimmgruppen, darauf verwenden, genau gegen diese kleinen Gruppen zu schiessen und zwar auf eine Weise, die deren Persönlichkeitsrechte verletzen? Mein Fazit bleibt: bedenklich und beängstigend.

Freitag, 22. Juni 2012

Woran misst sich Wert?

Der Blog von Gesine von Prittwitz hat mich auch heute wieder zum Nachdenken gebracht. Vielleicht bin ich eher am Thema vorbei gerauscht und auf eigene Gedanken gekommen, trotzdem möchte ich Ihren Blog als Stein des Anstosses (absolut positiv) nennen.

Der erste Gedanke zur Aussage "ich hasse kostenlos" war, dass ich das immer gegenteilig erlebe. Wie oft werde ich gefragt, ob ich nicht schnell für jemanden etwas schreiben könnte, etwas durchlesen könnte, etwas korrigieren könnte. Dabei wird natürlich angenommen, ich mache das mal schnell nebenbei, für lau, es läge mir ja quasi. In diesem Zusammenhang hasst niemand kostenlos, im Gegenteil, es wird sogar so erwartet...

Dann las ich weiter und sah, dass es im Blog darum ging, dass das, was einfach kostenlos dargeboten wird, nichts wert sein soll, weil eben nicht gewollt, nicht gezielt und exklusiv. Die Aussage “Ich hasse kostenlos” und die damit verknüpfte Assoziation von Geld und Wert kann ich so nicht stehen lassen. Ist alles nur wertvoll, das Geld kostet oder einbringt? Ist es nicht gerade diese Mentalität, welche vielen Menschen zu schaffen macht bei ihrem Selbstwert sowie bei ihrem Status in der Gesellschaft? Ist ein Verwaltungsrat oder CEO eines Grosskonzerns mit Jahresgehalt von Millionen dementsprechend mehr wert als die Putzfrau des Spitals? Die Krankenschwester leistet weniger für die Gesellschaft, die Menschen an sich als der Bankdirektor?

Und um den Bogen zu schlagen: Ist Kunst, die kostet wertvoller (nicht nur als Geldanlage) als Kunst, die nicht kostet, die im Hinterhof entsteht? Hat nur der Künstler, der profitabel künstlert Kunststatus, der andere ist Hobbyist? Was ist Kunst? Vermarktbare und verwertbare Produktion?

Ich denke, die heutige Gesellschaft driftet sehr in diese Richtung. Sag mir was du verdienst und ich sage dir, was du wert bist – ob du überhaupt wert bist, dass ich mit dir spreche. Fehlt das Geld, fehlt oft das Umfeld bald damit. Billig wird mit Ramsch gleichgesetzt, einfach auch, weil das natürlich von grossen Ladenketten so vorgemacht und in den Köpfen festgesetzt wird. Alles, was nichts taugt (vor allem für den Profit des Unternehmens, weil es zu viel teuren Lagerplatz füllt ohne in warmer Semmel-Manier wegzugehen) wird verramscht. Bücher dabei oft mit Stempel drauf: Mängelexemplar. Abgestempelt. Als Müll gebrandmarkt. Was mal mit Eifer geschrieben wurde, dümpelt auf dem Ramschtisch.

Wie kam man dazu, nun plötzlich die Renner so anzubieten, wie man früher den Ramsch verhökerte? Das hat wohl viele Gründe: Massenproduktion ist günstiger als Einzelanfertigung. Je grösser die Auflage, desto geringer die Kosten pro Exemplar. Des Weiteren gaukelt eine grosse Masse eines Buches mit knalligem Plakat drüber vor, das Buch sei ein Renner, drum hätte man so viele davon, dass es auch ja reiche. Und keiner will der sein, der gerade das Buch nicht gelesen hätte, wenn es denn dann in aller Munde wäre. Spiegelbestseller. Buch des Jahres. Neuerscheinung des Millionenverkäufers. Das muss man gelesen haben. Noch hat es Stapel. Also auf sie mit Gebrüll. Mit Wert hat das wohl wenig zu tun. Aber auch nicht mit Unwert. Es ist eine Zeiterscheinung. Und nicht die positivste in meinen Augen.

Was ist Wert? Was verdient das Prädikat wertvoll? Wem geben wir wieviel Wert und nach welchen Kriterien? Keine einfache Frage. Vor allem nicht allgemein beantwortet. Grundsätzlich würde ich mal auf die Schnelle sagen: Wert für hat ein Mensch oder eine Sache dann, wenn sie mir gut tut. Das ist nicht im Sinne von “Ich kann davon profitieren” gemeint, sondern eher im Sinne von “ein gutes Gefühl vermitteln”. Genauso möchte ich mir selber Wert sein, mich mit solchen Dingen zu umgeben. Und vor allem auch, mich anderen gegenüber so zu verhalten, dass sie eben auch ein gutes Gefühl haben. SO würde wohl vieles in dieser Welt an Wert gewinnen. Und dann könnte sogar ein Buch, das irgendwo gratis abgegeben wird, sehr wertvoll sein, während auch die Platinvergoldete Ausgabe eines für mich unlesbaren Buches noch keinen Wert (für mich) hätte.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Neue Intelligenzia

Heute stellte ich bei Facebook (im letzten Post verflucht, nun zitiert) ein Bild rein, das ich bei einer Freundin fand:


 Ich sah es, fand es schön, fand es auf seine Weise wahr und es passte gerade in die Situation, die ich hatte. Ich betitelte es mit "to whom it may concern". Für eine ganz liebe und langjährige Freundin, die mein Leben über Jahre begleitete, meine zwei dunkelsten Momente begleitete. Die ich ab und an begleitete. Der Spruch passte heute irgendwie rein. Sie wusste, sie war gemeint. Und es war gut.

Der Spruch entspringt einer Denkart, die heute populär ist. Es sind kurze Merksätze, die gut klingen, die schön klingen, die auf den ersten Blick wahr kingen. Und wenn man in einer entsprechenden Situation steckt, klingen sie sogar kraftbringend. Ein Freund von mir hat den Spruch dann zum Anlass genommen, ihn zu zerpflücken. Er fand ihn ärgerlich, platt, sinnlos und meinte, der Text rufe nur zum Egozentrismus auf. Er unterstellte, dass Menschen, die solche Sprüche mögen, kleines Selbstbewusstsein haben müssten und dieses damit ausgleichen, andere für sich zu benutzen. Das alles etwas gehobener dargestellt und ausgedrückt. 

Ich las den Blog, dachte zuerst: Ich habe was übersehen. Ich war zu schnell, habe es unbedacht reingestellt. Dann dachte ich zurück an den Kontext des Reinstellens. Und dachte für mich: Nein, es ist ok.

Es ist populär, sich gegen alles zu stellen und alles zu zerpflücken (damit meine ich nicht konkret den Blogschreiber). Die neue Intelligenzia brüstet sich gerne mit ihrer ach so klarsichtigen Scharfzüngigkeit, indem sie Dinge auseinander pflückt und das Zerpflückte in rigoros klingenden Lettern an den Pranger stellt. Was raus kommt, klingt nach Verurteilung, klingt nach messerscharfer Sezierung. Und man denkt im ersten Moment: Oh wow, der hat mehr gesehen als ich. Fiel ich auf die nett klingenden Worte rein, hat der den vollen Durchblick und mich mit meiner Oberflächlichkeit entlarvt.

Das ist wohl auch das, das der messerscharf Analysierende erreichen will. Wissenschaft agiert gerne in dieser Weise. Zerpflücken,was ein anderer tat. Argumente findet man immer, wie man die Argumentationskette stringent aufbauen muss, ist lange eingeübt und professionell indoktriniert. Wenn man dann noch ein paar Fremdworte einflicht, das ganze in gehobene Sprache packt, ist ein grosser Teil schon mundtot und fühlt sich ganz klein.

Was ist gewonnen damit? Ich denke wenig. Vielleicht fühlt man sich nach dem Schreiben eines solchen Textes ganz gut und gross. Denkt, man hätte Amerika neu entdeckt und der Welt die Augen geöffnet, die vorher noch geschlossen waren. Was aber, wenn jemand aus so einem Spruch Kraft schöpfte? Den Anstoss fand in einer schweren Zeit, mal wieder für sich zu schauen, zu sich zu stehen? Wenn sich jemand über Tage, Wochen, Monate nur aufopferte, selber an die Grenzen und drüber ging? Nicht mehr mochte, konnte? Und dann von einem Freund den Text kriegte und merkte: Ich bin auch noch da. Ich DARF mal für mich schauen? Und daraus etwas ganz Gutes und Wertvolles entstand?

Was helfen dann all die wissenschaftlichen Ergüsse? Ich kenne sie auch - man siehe oben. Ich habe, glaube ich, selten je so viele Fremdworte verwendet. Es klingt gut. Ich bin stolz. Es macht Spass. Ich halte wenig davon. Habe das in meiner ganzen wissenschaftlichen Zeit vermieden. Und mache es weiter. Und finde solche Sprüche ab und an heilsam. Sie regen zum Denken an. Sie sollen keine absoluten Wahrheiten sein, dafür greifen sie immer zu kurz. Klar kann man sie zerpflücken. Das klappt mit allem. Erfolgreich. Aber mit der Zerpflückerei geht es niemandem besser. Mit ein wenig Menschlichhkeit schon.

Beziehungsgeschichten

Beziehungen waren seit je her Anlass zu Überlegungen. Was macht sie aus, wie funktionieren sie, wie laufen sie ab? Literaten übten sich daran, sie zu beschreiben und in dem Beschreiben blosszulegen. Philosophen versuchten auf dem normativen Weg zu erläutern, was in Beziehungen gegeben sein muss, dass sie funktionieren, sei es im privaten oder auch im öffentlichen Rahmen. Psychologen gaben Anleitungen und Hilfestellungen, was man tun könnte, wenn sie eben nicht funktionieren, oder was man vermeiden sollte, damit man nie dahin kommt. Pfarrer predigen am sogenannt schönsten Tag, worauf zu achten sei, dass man sich bewusst sein solle, was man eingehe und dieses auch wertschätze. Und hinter allem steckt der Wunsch des Menschen, nicht alleine zu sein, ein Gegenüber zu haben, Liebe zu fühlen - erhaltene wie auch gegebene.

Der Wunsch ist gross, genau so gross wohl auch die Enttäuschung, wenn er eben nicht erfüllt wird oder man in diesem Wunsch eins ums andere Mal auf die Nase fällt. Wenn man sucht und sucht und sucht und  nie findet. Bald an sich zweifelt, bald am Gegenüber. Wenn man denkt, es müsse doch bald mal der kommen, der passt. Er aber nicht kommt. Und Frau verzweifelt nur noch um das eine Thema dreht, schreibend, redend, denkend. Solche Fälle gibt es und ich habe das Gefühl, das Verhalten steigert sich mit der Torschlusspanik des Alters. Orte werden nicht mehr an sich gesehen, sondern nur im Hinblick auf die Möglichkeit, den passenden Mann zu finden.

Doch wenn man ihn gefunden hat, scheint das Problem nicht aufzuhören. Dann fangen die Probleme erst an. Und dank der modernen Medien und sozialen Plattformen schaut die ganze Welt zu. Da werden Herzen ausgetauscht, Essen kritisch beäugt, über Facebook Einrichtungen diskutiert und Gutenachtwünsche platziert. Frau liest die gegenseitigen Kosenamen - fühlt sich an eine Episode im Supermarkt erinnert, als Frau dem Mann mit schriller Stimme LIIIIIIIEEEEEEEBLING hinterherrief und sieht dem eigenen Mann deutlich ins Gesicht geschrieben "hoffentlich macht meine das nie nie nie" - und denkt sich ihren Teil.

Und ab und an kriegt man auch die Leiden und Herzschmerze mit. Und hilft. Hört zu, rät, ist da. Nimmt es ernst. Weil man fühlt. Mitfühlt. Es entsteht ein Band, eine Freundschaft? Man könnte meinen. Dass die eine oder andere Anmerkung drüber hinausgeht, ignoriert man, in der Hoffnung, es sei ein Versehen. Und freut sich, wenn alles wieder im Lot, der Herzschmerz getilgt - mit einem kleinen Fragezeichen im Kopf der Anmerkung wegen. Das grössere Fragezeichen bleibt, weil plötzlich Stille herrscht. Das Band zerschnitten. Wieso? Was blieb von all den Worten? Phrasen nur? Schlechtes Gewissen? So oder so: was wirklich blieb ist das Gefühl, dass vieles leicht daher gesagt ist, man oft zweimal  überlegen sollte, ob man sich wirklich einhängen soll, Hilfe anbieten soll, wie man es im wahren Leben sofort täte. Und was noch viel mehr bleibt: man kriegt verdammt viel mit über andere Menschen. Über deren Beziehungen, deren Probleme, deren Lebenslügen. Und das ist erschreckend, weil man denkt: was kriegen die da draussen von mir mit? Und will ich das? Vor allem, wer kriegt es alles mit? Und wie tief? Und was macht er damit?

Soziale Medien sind sowieso Teufelszeug. Was mein bals 8ojähriger Papa schon lange unkt, scheint ein paar Wahrheiten zu haben. An dieser Stelle ein grosses Sorry zu meinem Papa, den ich immer mit genervtem Schnauben bedachte bei seinen Tiraden über das Internet und dessen Gefahren, über seine Warnungen vor Kinderfressern, Betrügern und Dieben, die da ihr Unwesen trieben. Ganz unrecht mag er nicht haben. Das Internet hat vieles erleichtert. Den Zugang zu Daten, den Zugang zu Menschen, den Zugang zu Herzen - oder wenn nicht Herzen so doch zur Versuchung. Ab und an vielleicht nicht mal bewusst, verstrickt man sich im Spiel mit dem Feuer. Beziehungen gehen in Brüche, weil der eine plötzlich den Mann/die Frau der Träume im Netz findet. Wenn das nur eine Illusion war, schaut man ganz schön doof in die Röhre (heute Flachbildschirm).

So sitzen dann Tag für Tag hunderte und tausende Menschen vor dem Bildschirm, twittern, facebooken vor sich hin, taggen, hooken, machen neue Freunde - und löschen sie wieder. Ganz cool, ganz unverbindlich, einfach mal so. Macht Spass. Der Begriff der Spassgesellschaft aus den 90er Jahren geht in eine neue Epoche. Und man muss wohl lernen, sich anzupassen. Sonst könnte man das noch ernst nehmen. Man könnte denken, Freunde seien Freunde und wollen nicht verletzen um des Spasses willen. Man könnte auch denken, Aussagen sind ernst gemeint. Da würde man wohl meist einer ganz grossen Illusion aufsitzen. Eigentlich schade. Und umso schöner, wenn man die Ausnahmen findet. Drum auch mal ein ganz grosses Dankeschön an die, welche ich über diese Medien kennen lernte und die mich doch teilweise über Jahre begleiten in meinem (realen) Leben.


Mittwoch, 20. Juni 2012

Das nächste Jahr wird besser

Es ist wohl komisch, im Juni ein Silvester-Thema anzuschneiden. Trotzdem kam es mir heute in den Sinn. Ich dachte nach. Das kommt ab und an vor. Bei mir zumindest. Und ich ging in Gedanken Jahre zurück. Ich erinnerte mich an all die Silvester, an denen ich dachte: Das nächste Jahr wird besser. Ich sass da und liess das vergangene Jahr Revue passieren, sah alles, was schwer war, was düster war, was Kraft kostete und war der festen Überzeugung: Das Jahr, das kommt, ist meines. Nun kann es nur noch aufwärts gehen. Und irgendwie... traf das nie ein. Im Gegenteil, es kam fast noch schlimmer. Enttäuschungen, Krankheiten, Todesfälle, schwierige Situationen pflasterten den Weg. Kämpfe an verschiedenen Fronten, ums Überleben, um Gerechtigkeit, um Liebe... und es hörte nie auf.

Man könnte denken, dass man das ein Jahr macht und eines Besseren belehrt wird. Vielleicht ein zweites Mal... aber Jahr für Jahr? Und doch: auch letzten Silvester sass ich wieder da und dachte: Das nächste Jahr wird besser. Es wird mein Jahr. Und das Jahr war wie jedes andere. Hatte schwierige Seiten. Herausforderungen, Rückschläge, Tiefschläge. Nur: es gab auch unendlich viele schöne Dinge. Immer wieder Highlights. Momente des Glücks. Kleine, grosse, wertvolle. Momente, in denen man die ganze Welt umarmen könnte. Einige zerbrachen wieder. Einige blieben. Aber sie waren da. Und gaben Kraft. Weiterzumachen. Weiterzuhoffen.

Und bei all dem kommt mir langsam die Erkenntnis: Das ist das Leben. Niemand sagte, es sei leicht. Niemand versprach das Paradies auf Erden (ausser vielleicht irgendwelche Heil versprechenden Märchenbücher). Das Leben ist ein Wachsen. An uns selber, an äusseren Umständen, an Beziehungen, an einsamen Momenten - am Leben selber. Wohin wir wachsen weiss niemand so genau. In die Erleuchtung? Die wahre Erkenntnis? Eigentlich ist es nicht wichtig. Wichtig ist, zu erkennen, dass wir es nicht ändern können. Wir können nur das in unserer Macht Stehende tun, das Beste draus zu machen.

Die Frage, die sich aufdrängt ist: Was ist das Beste? Ich denke, ein grosser Teil ist schon damit getan, sich einzugestehen, dass das Leben seine eigenen Gesetze hat, denen wir nicht entkommen. Es gibt Dinge, die liegen schlicht nicht in unserer Hand. Und die, welche in unserer Hand liegen, können wir nach bestem Wissen und Gewissen angehen. Im Wissen darum, dass das, was wir tun, das Beste ist, was wir geben können - für uns und andere. Und darum mit gutem Gewissen. Selbst wenn es dann schief geht, das Ergebnis nicht das erhoffte, erwünschte ist: wir haben uns nichts vorzuwerfen.

Mein Sohn sagte mal: "Weisst du Mama, ich kann nicht immer alles geben. Manchmal geht einfach nur ein Teil davon. Und dann gab ich ja nicht das Beste." Ich fand den Gedanken gut. Denn: Was ist das Beste? Es ist nicht das beste überhaupt Mögliche, sondern das, was in einem bestimmten Moment geht. Ab und an fehlt die Kraft, alles zu geben. Woher soll man also alles nehmen, wenn nichts da ist? Wenn man aber denkt, ich geb mal ein wenig, sehe dann, ob es reicht, kann wieder nachreichen, wenn nicht - dann darf man sich gerne an die eigene Nase fassen. Klar kommt man so ab und an durchs Leben, einige Glückspilze sogar sehr lange. Doch irgendwann wird man anstehen. Und merken, es geht nicht weiter. Im Gegenteil. Und dann wird man sehen, dass man nie gelernt hat, an seine Grenzen zu gehen. Einsatz zu zeigen. Man ruhte sich auf halber Strecke aus. Gab sich zufrieden. Es reichte. Und selbst wenn man so ab und an bessere Ergebnisse erreichte als andere: Sie waren nicht höher zu bewerten. Weder nach aussen noch nach innen. Denn im Innern, irgendwo, bleibt die Stimme: Ich habe das nicht verdient. Und sie nagt. Am Anfang unbemerkt, später lauter. Glücklich macht das nicht. Und auch all das Geld, aller Reichtum, alle äussere Achtung nicht. Wirklich zählen tut die innere Achtung. Schlussendlich. Wenn alles andere wegfällt, weil es platt wurde. Und dann steht man da. Nackt. Vor sich. Und fragt sich.

Ja, es kann besser werden. Immer wieder. Anfangen kann man nur in sich selber, bei sich selber. Indem man tut, was man tun kann. Und diese Gewissheit bewahrt: Ich habe mein Bestes gegeben. Und stolz auf sich ist. Sein kann. Denn dann erkennt man auch: Wahre Zufriedenheit kommt nie von aussen. Sie wächst aus einem selber. Und klar ist es schön, wenn äussere Dinge sich ergeben, schön sind, Freude machen. Wenn aber das innere Feuer der Freude und der Zufriedenheit nicht brennt, werden die äusseren in Rauch aufgehen, ohne je Wärme abgegeben zu haben.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Wider die Vernunft

Als ich heute die Treppen hochstieg zu meiner Wohnung, sinnierte ich über die Vernunft. Vom Menschen als ihm eigene und ihn über das Tier erhebende Eigenschaft erkannt und gewertet. Wer kennt nicht Sätze wie:

  • Du musst doch vernünftig sein!
  • Ist das wirklich vernünftig?
  • Du verhältst dich absolut unvernünftig. 

Wer hat nicht schon geschwankt zwischen dem, was vernünftig wäre und dem, was er will. Und sich vielleicht dann zum Satz geflüchtet:

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Was aber ist eigentlich Vernunft? Mir kam auf die Schnelle folgende Definition in den Sinn:

Vernunft ist das, was bleibt, wenn alle Gefühle rationaler Berechnung gewichen sind. 

Und wenn ich dann in mich gehe und mich frage, ob ich das will, schreit alles in mir ganz laut: NEIN. Ich möchte gar nicht vernünftig sein. Ich möchte meinem Herzen folgen und tun, was ich tun möchte. Ich möchte nicht bei allem meine Gefühle wegpacken und die Dafürs und Dawiders gegeneinander stellen, möchte nicht ständig im Widerstreit der gegenteiligen Argumente hin und her geschleudert sein und innerlich denken: Aber ich will doch.

Und doch, bei all dem Wollen und Sehnen und innerlichen Schreien und Freistrampeln von all den ach so vernünftigen und rationalen und so unromantischen Begründungen und Argumentationsketten ist neben der Stimme, die doch eigentlich will, auch oft die Stimme, die sagt: Ich kann doch aber nicht. Die Stimme kommt von tief unten. Zwar ist sie vielleicht nicht so sehnsüchtig, nicht so lustvoll, aber doch sehr präsent. Und eingeübt. Und eingeimpft. Von klein auf. Bei vielen dieser Stimmen hört man noch den Tonfall des sie ursprünglich Aussprechenden und damit Einimpfenden mit.

  • Du kannst nicht einfach schnell barfuss zum Briefkasten laufen, du erkältest dich - Papa drückt durch. 

  • Du kannst das Geschirr nicht stehen lassen, was du heute aufräumst ist morgen nicht mehr da - wieder Papa. 

  • Du kannst nicht einfach laut singen, deine Stimme ist hässlich - Barbara aus der zweiten Klasse (ich sang nachher nie mehr laut, zumindest nicht, wenn jemand zuhörte)

Aber ich will doch! Aber was, wenn ich mich dann erkälte? Was, wenn ich morgen in die Küche komme und mich ärgere, dass der Abwasch noch nicht gemacht ist? Was, wenn alle lachen, weil ich so schrecklich singe und sich fragen, ob ich nicht wisse, dass meine Stimme ganz schrecklich ist?

Du kannst dem nicht einfach sagen, dass du dich verliebt hast. Was, wenn er nur Spass will ("der will doch nur spielen, der bleibt nicht" - Frei nach Hundebesitzer)? Was, wenn ich ihn damit vergraule? Was, wenn ich mich bloss stelle? Lächerlich mache? Ich kriege schon hochrote Ohren, wenn ich daran denke. Ich kann doch wirklich nicht. Und sitze da. Aber ich will doch? Also eigentlich will ich ja nicht, aber ich möchte wissen, was er will und das weiss ich ja nur, wenn ich endlich mal sage, was ich will, denn er sagt ja nichts. Wobei eigentlich könnte auch er etwas sagen, ich meine, er ist ja der Mann. Wobei, es könnte ja auch ein gutes Zeichen sein, dass er nichts sagt, weil das würde ja darauf hinweisen, dass er vielleicht schüchtern ist. Und nicht so geübt. Würde er gleich rauspreschen und mir die Sterne vom Himmel holen, könnte das ja durchaus sehr routiniert aussehen. Aber trotzdem will ich eigentlich, dass er was sagt. Und eigentlich will ich auch selber was sagen. Das ist alles verdammt schwierig.
Vernunft ist irgendwie die sichere Seite, bei der man immer schön ohne Risiko, weil berechnet und damit rational durchs Leben geht. Leider bleibt dabei auch viel auf der Strecke. Und schlussendlich ist all die Berechnung auch nur Wahrscheinlichkeit, da sie immer den eigenen Gedanken entspringt, vielleicht abgestützt auf eigene oder fremde Erfahrungen, die auch wieder nur eine Wahrscheinlichkeit ist, da sie singulär und damit nicht absolut gültig.

Was bleibt? Es lebe die Unvernunft? Herz voran, Herz auf die Zunge und drauf los? Wer nichts wagt, der nichts gewinnt? Vermutlich ist ein Mittelweg das beste (wobei nur schon der Satz wieder sehr vernünftig klingt und damit die Vernunft schon wieder siegreich scheint). Das Herz lenkt, das Herz bestimmt, die Vernunft kann Fallschirm sein. Wenn einen nur eigene Ängste hindern, etwas zu tun, das man gerne tun möchte, die Gefahren nicht wirklich schlimm, sondern vielleicht ein wenig gebrochenes Herz und verletzter Stolz sind, ist das, was man gewinnt, wenn man dem Herzen folgt, um einiges wertvoller, denn man hat sich getraut, zu sich selber zu stehen. Und selbst wenn nicht das dabei rauskam, was man sich erträumt hat, so doch das Gefühl, ganz sich selber gewesen zu sein. Und irgendwann wird man auch merken, dass das das Schönste überhaupt ist. Und witzigerweise auch das, was einen meist weiter bringt. Niemand lacht einen aus, weil man Gefühle zeigt. Selbst wenn sie nicht erwidert werden. Und tut es einer, dann wäre er es sowieso nicht wert gewesen. Menschen, die auf deinen Gefühlen rumtrampeln, sie mit Füssen treten, sich darüber lustig machen oder sie schlicht nicht behutsam behandeln, sind es nicht wert, sich nicht zu trauen, zu ihnen zu stehen. Denn schliesslich und endlich zeigt es nur die Schwäche der anderen, indem sie nämlich sehr wenig gefühlvoll umgehen - und wie sie das mit dir tun, tun sie das mit grösster Wahrscheinlichkeit mit sich selber.



Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, diesen Blogbeitrag zuerst zu gliedern im Kopf, stichwortartig zu Papier zu bringen, den roten Faden zu suchen, statt ihn in wenigen Minuten im Akkord in die Tasten zu hämmern. Aber mir war grad danach. Ich wollte einfach. Und so tat ich. Und immerhin, wer das noch liest, blieb  bis zum Schluss. Danke!